Patenschaftstandems treffen „Black & White“

Martinischule Mühlhausen, Donnerstag, 02.11.17, 10:15 Uhr.

Seit ein paar Minuten bin ich im Gespräch mit Schulleiterin, Angela Gerst, und ihrer Stellvertreterin, Marion Siegmund. Ich bin heute eingeladen, am Geschehen in der Schule teilzuhaben und die Patenschaftskinder in Aktion zu erleben.
Als ich ankam, war gerade Pause und die Grundschüler der Martinischule tummelten sich auf dem Hof. Jetzt sind alle wieder in den Klassenräumen. Eigentlich müsste es im Büro der Schulleitung nun ziemlich still sein, doch ich höre ungewöhnliche Laute: Trommeln? Die beiden Frauen am Tisch lächeln. „Wir haben seit gestern ganz besondere Gäste im Haus, die „Initiative Black & White“ aus Wanfried.“

Die Mitglieder der Gruppe stammen aus Ghana, Uganda, dem Kongo und Deutschland. Sie bringen in Workshops den Grundschüler*innen unter dem Motto „Afrika – Eine Welt“ afrikanische Lebensfreude näher. Da wird gesungen, getanzt, getrommelt und informiert. Die Kinder haben sichtbar Spaß!

Ich werde durchs Schulhaus geführt und darf in jedem Workshop kurz verweilen und am Geschehen teilhaben. Im interaktiven Vortrag lerne  ich, dass unsere Vorfahren, die vor 6.000 Jahren in Europa lebten, Farbige waren. Ganz frisch sind diese Informationen; in „Die Zeit“ (18/2017) stand Folgendes zu lesen:

„Neue, noch unveröffentlichte Studien amerikanischer Genetiker und Anthropologen zeigen, dass unsere Vorfahren erst vor 5.300 bis 6.000 Jahren zu bleichgesichtigen Gesellen wurden. »Die weiße Haut entstand lange nach der Ankunft des modernen Menschen in Europa«, sagt die Anthropologin Heather Norton von der University of Arizona.“

Die aufmerksam zuhörenden Patinnen und Paten und ihre Mitschüler*innen der 4. Klasse verstehen, was Wolfgang Lieberknecht, der Leiter der Initiative, ihnen gerade erzählt hat. Auf die Frage, wer da beleidigt wird, wenn man Schlechtes über dunkelhäutige Menschen in die Welt setzt, antwortet ein Junge prompt: „Unsere Urururur…großeltern!“ Und alle grinsen.


Ich schaue mich um. Die Klasse besteht ganz offensichtlich aus Kindern aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Zwei syrische Mädchen mit Kopftuch blicken mich neugierig an. Ein blonder Junge flüstert etwas zu seinem Tischnachbarn, einem Jungen aus Afghanistan, und beide amüsieren sich daraufhin köstlich. Für die Schüler*innen der Martinischule ist es ganz normal, mit Kindern unterschiedlicher Herkunft zusammen zu lernen und zu spielen. Es gibt eine ganze Anzahl von Tandems, die gemeinsam lernen und Freizeit teilen.
„Die kulturelle Annäherung funktioniert an unserer Schule sehr gut“, erklärt Marion Siegmund. Die Lehrer*innen und Horterzieher*innen haben bereits viel Engagement gezeigt. So war die Martinischule auch eine der ersten, die das Patenschaftsprogramm „Menschen stärken Menschen“ nutzten, um den Integrationsprozess der Kinder mit Fluchterfahrung an ihrer Schule zu unterstützen. Bei der Initiierung von Patenschaften konnte im Sommer 2016 auf bereits bestehende Strukturen zurückgegriffen werden, denn es gab schon ein schulinternes Pat*innen-System. Da kam das Bundesprogramm gerade recht!

Wie schon bei meinem ersten Besuch im Mai diesen Jahres kann ich wieder beobachten: Die zugewanderten Kinder in den Patenschaften fügen sich sehr gut ein in die Schulgemeinschaft, sie sind wirklich ein Teil derselben, auch aufgrund der intensiven Beziehung zur einheimischen Patin/zum einheimischen Paten.

Im Gesangs-Workshop höre ich ein Lied mit dem Text „Baba anakuite milele!“ (Der gute Gott ruft dich für immer). Singen auf Afrikanisch, klatschen und sich dazu Bewegen – der große, dunkelhäutige Mann mit der tiefen, sonoren Stimme animiert alle; man kann gar nicht anders, als freudvoll einzustimmen in den rhythmischen Gesang!

Im Tanz-Workshop kann ich auch mitmachen. Als ich in den Kreis der Tänzer*innen trete, werde ich von meiner jungen Nachbarin mit Kopftuch gefragt: „Wer bist denn du?“ Ich antworte kurz: „Besuch aus Jena!“ und ernte dafür große Augen und ein „Echt?“. Ich erwarte eine weitere Frage, doch es besteht kein Bedarf. Das Mädchen vertieft sich wieder in die Bewegungen des Tanzes, und ich versuche, keine allzu schlechte Figur abzugeben.

Ein Workshop steht noch aus. Wir betreten einen etwas abgelegenen Raum im Schulhaus. Die Trommelgruppe sitzt im Kreis; alle Schüler*innen blicken aufmerksam auf einen jungen, dunkelhäutigen Mann im bunten Gewand. Er gibt kurz Anweisungen, dann wird es plötzlich laut. Ohrenbetäubender Spaß!

Fazit? Dieses Projekt ist wirklich gelungen! Erziehung zu Toleranz und Entwicklung von Demokratiebewusstsein geschehen in praktischen Workshops – ein gutes Konzept. Sicher erzählen die Kinder heute zuhause von den Erlebnissen des Tages und der Freude, die sie miteinander teilen konnten.

 

Dorothee Kreling


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